Anfang April. Folge Fünf der höchst selektiven Zusammenstellung von Ereignissen der Welt.

Die Absurdität der Welt nimmt kein Ende.

Nachdem ein Teil des Gasleck-Problems sich nun tatsächlich von selbst gelöst hat, macht man sich bei Total auf die Suche nach Lösungen, um das Gasleck zu schliessen. Mittlerweile ist man überzeugt, dass die Arbeiten ein halbes Jahr dauern und Milliarden kosten werden. Natürlich war gewarnt worden. Und natürlich hatte man die Warnung in den Wind geschossen. Und da man jetzt ja dran ist und auch die Kosten erkannt sind, werden wir schon bald nichts mehr vom Gasleck erfahren. Wie immer eigentlich. Auch das ist lediglich massenmedialer Usus.

Ein weiteres Problem, das sich unverhofft mindestens zeitweilig von selbst gelöst hat, ist der weitverbreitet heftig diskutierte Raketenstart in Pyongyang. Wobei sich mir nach dem Fehlstart gleich zwei Fragen stellen: War das vielleicht sogar gewollt, und die ganze Aktion fand nur statt, um den Grossmächten im Vorfeld ans Bein zu pinkeln, einfach mal ein bisschen Panik machen? Und was geschieht nun mit der nordkoreanischen Volksseele, wenn eine Rakete, die zum 100sten Geburtstag des früheren gottgleichen Herrschers startete, im Rohr krepiert?

Interessant dabei finde ich ausserdem, dass man im Falle von nuklearen Waffen in Nordkorea redet und redet und versucht, zu einer Einigung zu kommen, im Falle des Irans aber dann gleich von Präventivangriffen spricht. Klar wird eigentlich nur, dass es nicht um die Gefahr von atomarem Potenzial geht, sondern lediglich um die immer wiederkehrende Glaubensfrage. Ich finde, der Vatikan sollte endlich sein eigenes Nuklearprogramm starten. Dann wäre das Gleichgewicht wiederhergestellt. Obschon man darüber diskutieren kann, ob die USA nicht so oder so schon päpstlicher als der Papst sind, was christliche Glaubensfragen angeht. Dort gibt es bekanntlich immer noch ganze Landstriche, die Stein und Bein schwören würden, dass die Erde sich nicht dreht.

Und, juchhei, Neues aus der Medizin! Neben Placebo gibt’s jetzt Nocebo: In den USA versucht sich ein Mann mit Pillen ohne Wirkstoff umzubringen. Und schafft es beinahe. Glaubt ihr immer noch so sehr an die Wirksamkeit und die Notwendigkeit von Wirkstoffen? Beginnt doch endlich die Kraft der menschlichen Wahrnehmung einzubeziehen. Die kann nämlich, o Wunder, fast alles bewirken.

Weit ist es nicht mehr bis zum Informations-Chip-Implantat. Google veröffentlicht seine Augmented Reality Brille. Damit werden von Google selektierte Inhalte nun direkt ins alltägliche Gesichtsfeld geblendet. Na bravo. Ich empfehle die Lektüre eines Posts, der zwar schon Jahre zurückliegt, aber offensichtlich Tag für Tag nur an Aktualität gewinnt: «Zurück zur Natur – mit Internet». Frage: können solche Brillen gehackt werden? Medizinische Implantate können nämlich, zeigt sich. Das ruft doch gleich wieder ganz neue Zukunftsszenarien auf den Plan. Vielleicht ist das nächste Problem von James Bond dann ein Satellit, der sämtliche Implantate auf der Welt lahmlegt? Und – was passiert denn dann eigentlich beim nächsten Sonnensturm? Massensterben?

Gleichzeitig findet in Peking eine Studie Gehör, die besagt, dass man Suchtproblemen begegnen kann, indem man aktiv ins Gedächtnis eingreift und es korrigiert. Da kommen mir doch gleich ganz viele gute Ideen. Angefangen in China. Vielleicht könnte man das Verfahren grossflächig anwenden? Und die Erinnerungen an Vertreibung, Greuel und Zensur korrigieren? Vielleicht könnte man dafür sorgen, dass sich das ganze Land gar nicht mehr daran erinnert, dass es Internet gibt? Dann wäre die Angelegenheit mit der Zensur nicht immer so aufwändig.

Möglicherweise würde das Ganze ausserdem auch in Deutschland Anwendung finden. Das schlechte deutsche Nachkriegsgewissen hört nämlich auf zu schweigen: Günther Grass kritisiert in einem 70-zeiligen Gedicht Israel und klagt an, die Atomrüstung und das Drohgebaren gegenüber dem Iran gefährde den ohnehin schon brüchigen Weltfrieden. Recht hast du Günther. Die Diskussion, welche dadurch ausgelöst ist, ist logisch. Doch Grass‘ Gedicht liest sich nur antisemitisch, wenn man das wirklich unbedingt will. Es ist die Kritik an einem, an zwei Staaten, und an Deutschland, das noch immer nicht begreifen will, dass man die Vergangenheit endlich ablegen muss, um ohne verklärte Wiedergutmachungsbrille zu beurteilen, was tatsächlich auf der Welt geschieht. Dass die ZEIT das Gedicht mit einem NPD-Pamphlet gleichsetzt, dass zahlreiche andere Medien Günther Grass‘ Vergangenheit in der SS ausgraben, macht sie nicht tolerant. Genau dieses Redeverbot, nur in entgegengesetzter Richtung, ist das, was damals zur Katastrophe geführt hat. Wehret den Anfängen! Macht nicht schon wieder den Fehler der Undifferenziertheit, verschliesst nicht die Augen! Und gerade die ZEIT schlägt in der Folge weiter in die gleiche Bresche, auch nach zahlreichen differenzierten Auseinandersetzungen intelligenter Menschen mit Grass‘ Veröffentlichung: Weiter ist von Irrtum, von Korrektur und von der einseitig berechtigten Angst vor nuklearer Potenz die Rede. Ebenfalls bemerkenswert: Am 11. April veröffentlichte die ZEIT einen Artikel mit dem Titel „Rechtsextremismus: Vati ist ein guter Nazi.“ Der Artikel ist jedoch nicht mehr auffindbar, wurde also sofort zurückgezogen. Was da wohl drinstand? Interessant ist im Übrigen auch die Reaktion von Israel: Die Regierung verhängt wenige Tage nach der Veröffentlichung des Gedichts ein Einreiseverbot für Grass. Nun ja. Repression war immer eine Stärke des Gottesstaats. Kurz darauf, am 12. April lasen wir dann, dass der israelische Innenminister ein Treffen auf neutralem Boden vorschlägt. Wie wär’s mit Gaza? Oder Teheran? Oder anstatt eines Treffens viellicht doch lieber ein grossflächiger Eingriff in die kollektive Erinnerung?

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