Populärphilosophie oder Selber denken ist gesünder

Es vergeht kaum eine Woche, ohne dass jemand zu mir kommt mit „Das musst du unbedingt lesen!“, weil es ganz anders sei, ja, klar, es gibt viele solche Bücher, aber dieses eine, GENAU dieses eine ist anders, völlig anders, darin steht die Weisheit der WELT geschrieben. Wie viele dieser Bücher sind an mir vorübergezogen. Und meistens versteckt sich dahinter nur eines – Streben nach Macht, Gier nach Geld.

Populärphilosophen schreiben Bücher um Bücher, die vielleicht sogar der Welt etwas bringen mögen. Aber eigentlich nur deswegen, weil sie die Welt zum Lesen bringen. Denn Tausende verschlingen sie, sie produzieren einen Bestseller nach dem Anderen, nach spätestens zwei Büchern werden sie sowieso nicht mehr hinterfragt, und bringen ihre Gedanken unter das Volk. Auch diese Bücher sind gut geschrieben, wenigstens zum Teil, süffig, wie man das nennt. Wenn aber einer über Nietzsche ein gut verdauliches Textchen verfasst welches der Leser versteht, dann heisst das noch lange nicht, dass man Nietzsche gelesen hat. Aber man hat das Gefühl man habe. Das ist ein bisschen so, wie wenn einem einer Guernica erklärt und man sagt, man kenne das Werk, ohne dass man ihm je gegenübergestanden hat.

Schlimmer noch als diese Werke sind die Schnellbleichen, wie Sophies Welt, die uns gleich die ganze Geschichte der Philosophie näherbringen, hübsch verpackt in einer kleinen, zugegebenermassen eher flachen Geschichte mit einem schönen Schleifchen drum. Man sollte nie vergessen, dass selber denken und vor allem: wirklich selber herausfinden immer mehr bringt als sich von einfach verständlichen Philosophiewerbetexten berieseln zu lassen.

Und so ist es denn ja nun auch. Wir sind so gewohnt, alles in fertigen Bissen serviert zu erhalten, dass es uns kaum einfallen würde, ein Original zu lesen. Nietzsche, Schopenhauer und dergleichen sind etwas kompliziert verfasst, zugegeben. Aber auch die Philosophen haben sich verändert. Es geht nicht mehr nur darum, Texte zu schreiben, die keiner verstehen soll. Sloterdijk beispielsweise schreibt äusserst gut verständlich. Klar, ein, zwei Wörter wird der eine oder andere nachschlagen müssen. Aber genau dafür haben wir Internet. Und nicht, um uns fremde Meinungen anzueignen und sie zusammenzustiefeln zu dubiosen Kopfmanifesten, nach denen wir dann handeln, Patchworkdecken aus Vorverdautem. Denn selbstverständlich sind auch die Werke der Philosophen Meinungsäusserungen. Aber es ist immer noch besser, sich eine Meinung zum Original zu machen als sich vorgefertigten medial verunstalteten Oberflächenrevisionen kampflos zu ergeben.

Denn noch sind wir nicht so träge, als dass wir das Wissen der Welt nicht wollen würden. Wenn wir es allerdings bequem im Sessel serviert bekommen mit Sahnehäubchen, dann kommt uns das sehr gelegen. Die meisten gucken dafür immer noch Galileo. Die, die noch nicht zu faul zum lesen sind, lesen Populärphilosophie. Nur sollten sie nicht vergessen, dass dahinter eben reine Konsumwirtschaft steckt. Und dass selber denken noch immer das Gesündeste ist.

 

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2 Kommentare Gib deinen ab

  1. David sagt:

    Es ist ne Weile her, seitdem ich hier zuletzt gepostet habe. Aber dieser Text ist mal wieder ganz nach meinem Gusto.

    Ich lüge, wenn ich behaupte, Philosophen zu lesen. Aber ich lüge nicht, wenn ich sage, Populärphilosophie komme mir nicht ins Regal. Und trotzdem fühle ich mich angesprochen. Warum? Weil der zweite Teil des Titels auch auf andere Lebensbereiche zutrifft.

    Im Allgemeinen sind wir dermassen auf hirnlosen Konsum getrimmt, dass wir auch beim Aufreissen einer Packung Migros Ravioli das Gefühl haben zu kochen.

    Ist das die Freiheit, die wir wollen? Frei Konsumentscheide zu fällen? Anscheinend schon. Es ist halt bequem, nach Ravioli mit Fertigsauce zum Abendessen Populärphilosophen zu lesen. Da wird einem so viel Arbeit abgenommen.

    Der Preis dafür ist eine zunehmende Unmündigkeit. Niemand muss sich mehr mit den Originaltexten (egal ob Rezepte oder Abhandlungen) auseinandersetzen und die für einen selbst richtigen Schlüsse daraus ziehen. Dadurch machen wir uns abhängig von Fooddesignern und Bestsellerautoren.

  2. Tja, hier die seichten Populärphilosophen, dort die echten, aber mitunter schwer zu lesenden Originaldenker. Hierbei ist es nicht uninteressant, dass gerade die hier erwähnten Schopenhauer und Nietzsche zu verschiedenen Zeiten (19. Jhd. bzw. die Zeit vor dem 1. WK) DIE populärsten Denker überhaupt waren. Und ein Sloterdijk ist auch nicht gerade dafür bekannt, das Licht der Öffentlichkeit zu scheuen.

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