1. Mai 2009, Tag der Arbeit, Zürich. Die Jahrhundertkrisenschlacht bleibt aus.

Es ist 14:00 Uhr. Die Zufahrten zum Kreis 4 sind weiträumig besetzt von Wasserwerferlastwagen und Truppentransportern der Polizei. Darin lacht man, bereits behelmt zwar, aber guten Mutes, liest Zeitung, das grosse Warten. Vom Xénix her schallt das Echo von Rockmusik durch die Strassen, auf der Wiese lümmeln schwarzgekleidete Jugendliche, viele davon sehr jung, das eine oder andere Flugblatt mit überintellektuellem Polittext wird verteilt, hin und wieder plärrt aus den Lautsprechern eine Stimme, die zu irgendwas aufrufen will, aber die schlechte Akustik verhindert grösstenteils das Verstehen.

In einer Seitenstrasse, in der Sport Bar setzen wir uns in die Sonne und warten ab. Auf der gegenüberliegenden Strassenseite versammelt sich eine Gruppe Männer, die wie die Gewerkschaft Vereinigter Türsteher aussehen, kein Bisschen Punk, kein Bisschen autonom, nur muskelbepackt und mit uniformer Sonnenbrille. Und es dauert nicht lange, bis ihre Pendants auf unserer Seite stehen, selbe Figur, ähnliche Sonnenbrillen, aber Knopf und Ringelkabel im Ohr und ausgebeulte Jacken. Ein kurzes Beäugen, dann hundert Meter weiter ein Lastwagen der Polizei, mit weiteren Zivilen, zu welchen sich die Beobachter gesellen. An unseren Tisch setzen sich zwei Männer und eine Frau mit Digitalkameras, die mit kleinen, aber hocheffektiven Objektiven ausgerüstet sind, und beginnen, die Türsteher einen nach dem anderen in Grossaufnahme abzulichten.

„Ça brûle partout, à Strasbourg, à Berlin, et sans doute à la Metropole. Ça va brûler ici bientôt.“, hören wir sie sagen. „Est-ce pas une provocation, faire des fotos comme ça?“ Wir verstehen zwar, aber wir verstehen nicht. Ob sie von der Presse seien, fragen wir, und sie antworten, nein, nur aus Spass an der Freude, und man könne ja später immer noch die Fotos aufs Netz stellen und schauen, wer mitgespielt habe. Weit oben ein Helikopter. Es riecht nach Aggression, nach Vorbereitung, nach Strategiespiel. Doch die Türsteher ziehen ab, die Polizisten auch, und auch die Paparazzi.

Später auf dem Helvetiaplatz, wir mischen uns in die Zuschauermenge, zusammen mit Friedliebenden und weniger Friedlichen, überall stehen die Geohrknopften und beobachten ruhig und aufmerksam das Treiben innerhalb des Zaunrunds.

Dann 15:20: Erste vermummte Schwarzgekleidete treten aus dem Rund heraus, es werden Banner ausgerollt, Metalltonnen zwecks Trommellärm bereitgestellt.

15:22: Von allen Seiten fahren die Polizeilastwagen aus den Seitenstrassen in Kampfstellung, Polizisten treten heraus, formieren sich zur Phalanx und beginnen, einen Halbkreis zu bilden um die mittlerweile in grösserer Zahl aus dem Xénix-Areal strömenden Demonstranten zurückzudrängen.

15:25: Die Polizisten marschieren vorwärts und beginnen den Kreis enger zu machen. Flaschen fliegen. Gebrüll erschallt. Und das dumpfe Phumpen der Gummigeschossgewehre. Der ganze Platz ist nun in Aufruhr, und uns entgegen stürmt eine Menge von Zerstreuten, Versprengten. Wir verlassen den Platz und gehen zum Kasernenareal.

Kaum tritt man hier ein herrscht Ruhe und Toleranz und Nebeneinander und Zusammen, GSoA, JuSo und Kulturfest. Und plötzlich fällt auf, dass die Sonne scheint. Es ist ein schöner, warmer Tag, und die Wiese lädt ein zum Frieden.

Später dann, um halb sechs, Zigaretten kaufen, die es in der Kaserne nirgends gibt, also aus dem Areal hinaus. Die letzten brennenden Mülltonnen liegen da, Polizisten mit geschulterten Gewehren, müde und abgekämpft, die Schlacht auf der Langstrasse ist geschlagen, einmal mehr dieses Jahr, aber besondere Vorkommnisse? Keine. Viele Minderjährige. Aber eine der weniger wilden Erster-Mai-Schlachten. Ein eher friedliches Jahr. Geprügelt wird, klar. Auch wie jeden 1. Mai.

Wir finanzieren Eure Krise nicht. Ging es darum? Nein. Den meisten der Schlachtenden sagt „Krise“ wohl ähnlich viel wie „Kultur“. Vielleicht sind diese Flugblätter einfach doch viel zu kompliziert geschrieben.

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