Psychosomatik für Fortgeschrittene III – Die Klassiker

Anfangs des 20. Jahrhunderts war man neurasthenisch. Wenn man dazugehören wollte. Neurasthenie wurde gefunden, um das allgemeine Unwohlsein des Menschen gegenüber einer sich immer schneller entwickelnden Gesellschaft zu benennen. Eigentlich sollten wir doch alle immer noch neurasthenisch sein. Vielleicht sollte man die Krankheit wieder aktivieren.

Danach kam Anderes, was immer wieder mit Lebensumständen und der fehlenden Fähigkeit, mit Veränderungen in der Gesellschaft umzugehen, zu tun hatte. Der Burnout war mal en vogue. Und ADS sowieso. ADS war überhaupt eine sehr schöne Angelegenheit: man konnte die eigenen Kinder vor den Fernseher setzen und wenn sie dann irgendwann infolge mangelnder phantastischer Anregung und Bewegung begannen, sich seltsam zu verhalten, dann gab’s Ritalin. Das erinnert ein wenig an Laudanum im 19. Jahrhundert. Ein Tröpfchen Opium, und dem Kind geht’s grossartig.

Der letzte Schrei nennt sich Glutenallergie und Laktoseintoleranz. Eine kleine Zusammenstellung von Beschwerden, die dabei Auftreten können: Kloßgefühl im Hals, Erschöpfung, Herzrasen oder Herzstolpern, Schweißausbrüche, Erröten, Unruhe, Angst, Depressionen, Anspannung, Niedergeschlagenheit, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen. Ich meine, dass sich all dies mit einem Tropfen Opium aus dem Laudanumfläschchen der Urgrossmutter ohne Weiteres beheben liesse. Oder mit zwei Wochen Ferien. Oder doch einmal den Partner in die Wüste schicken?

Nein, wir wollen uns mal vom Polemischen abwenden. In einem Gespräch mit einer Hausärztin kam zutage, dass tatsächlich sehr viele Patienten momentan mit einer selbstdiagnostizierten Glutenallergie zur Untersuchung kommen. Nun kann man das ja sehr gut testen. Schwierig wird’s, wenn der Test negativ ausfällt. Also, schwierig für den Patienten. Ein bisschen wie sich ganz sicher gewesen sein, dass man ein Fahrrad zu Weihnachten kriegt und dann gibt’s doch nur ein Paar Socken.

Tatsächlich sind diese Intoleranzen, wenn sie ärztlich getestet diagnostiziert auftreten, nichts Angenehmes. Nur sollte man sich bewusst sein: auch wenn im Test bestätigt, sind diese Krankheiten psychosomatisch, also Symptome eines tieferliegenden Problems. Und dagegen hilft es auch nicht, wenn man bei jedem Essen sagen kann, nein für mich bitte keine Teigwaren, kannst Du nicht Reis machen? Naja, vielleicht ein wenig im Moment. Uff.

Und schon sind wir beim Sekundären Krankheitsgewinn. Welchen Profit ziehe ich aus einer Krankheit? Mal im Ernst, das hatten wir doch alle schon. War das Fieber wirklich immer so hoch, dass man nicht zu Schule gehen konnte? Und war die kleine Extraportion Zuneigung nicht Ansporn genug, einen Tick kränker zu sein als unbedingt nötig? Und ist es nicht ein ganz kleines bisschen toll, mit jedem über die Glutenallergie sprechen zu können? Und immer den Extrateller zu kriegen? Na, doch, schon, sicher, wenn man ganz ganz ehrlich ist.

Ich hab mich also aufgemacht und auf einer der in diesen Zeiten so beliebten Selbstdiagnoseplattformen einen Test gewagt (von den Multiple-Choice-Fragen wird jeweils die angekreuzte Möglichkeit aufgelistet):

1. Frage: Unter welchen Beschwerden leiden Sie? – Na, Blähungen habe ich manchmal. Ich dachte bisher immer, das sei normal. Der menschliche Darm produziert Gase.
2. Frage: Treten diese Beschwerden immer wieder auf? – Mhm, deswegen erwähne ich es ja.
3. Frage: Seit wann leiden Sie unter diesen Beschwerden? – Tja, immer schon.
4. Frage: Hat sich seitdem die Stuhlkonsistenz verändert? – Das tut sie von Tag zu Tag, je nachdem was ich esse. Allgemein bekanntes Phänomen.
5. Frage: Hat sich die Stuhlfrequenz seitdem verändert? – Auch das tut sie von Tag zu Tag, je nachdem was ich esse. Ein ebenfalls bekanntes Phänomen.

Resultat: Sie haben 15 von 19 Punkten. Gewonnen! Ich habe jetzt endlich auch einen Reizdarm. Juhu!

Nach den entsprechenden Tests bin ich übrigens auch Alkoholiker. Habe ein erhöhtes Burnout-Risiko. Wahrscheinlich auch Diabetes. Und dann habe ich aufgehört. Eine Krankheit reicht mir eigentlich. Damit bin ich vollauf zufrieden. Und freue mich auf einen Teller Pasta mit Rahmsauce. Guten Appetit!

>> Psychosomatik für Fortgeschrittene I

>> Psychosomatik für Fortgeschrittene II: Das Schicksal

>> Psychosomatik für Fortgeschrittene IV: Der Geist und der Körper

 

-> Mehr Lesen

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Lukas sagt:

    Ha, der Klassiker ist ja echt lustig!
    Übrigends gibt es die Diagnose „Neurasthenie“ noch, das weiß ich, weil ich sie Heute bekommen habe. Finde deinen Artikel trotzdem amüsant, weil ich das nicht so ernst nehme, da ich eine Diagnose bekommen habe die schon seit 1930 quasi nicht mehr existiert! :O

    Ich frage mich sowieso was der genaue Unterschied zwischen Diagnosen wie Neurasthenie, Burn-Out und chronische Erschöpfungsstörung sein soll! :/
    Meiner Ansicht nach gibt es unzählige von verschiedenen Diagnosen die mehr oder weniger alle das gleiche beschreiben, aber das ist nur meine Ansicht, aber vielleicht ist sie ja auch lediglich so veraltet wie meine Diagnose! 😉

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