Psychosomatik für Fortgeschrittene I

Alles ist psychosomatisch. Man bricht sich kein Bein ohne Grund. Kein Schicksal ist da im Spiel, wie der Eine oder Andere hier nun möglicherweise nachsagen wird. Sondern eine geistige Prädisposition. Und natürlich ist der Beinbruch durch geistige Anstrengung nicht heilbar, oder: wissen wir denn das so genau? Auf jeden Fall nicht mit den gängigen uns zur Verfügung stehenden geistigen Mitteln. Da müssten wohl fortgeschrittenere Praktiken der Selbstheilung zum Einsatz kommen, die kaum einem Menschen in unserem Kulturkreis geläufig sind. Aber die Tatsache, dass man sich ein Bein gebrochen hat, bedeutet, dass man, böserweise gesagt, daraufhin gearbeitet hat.

Der angesprochene Beinbruch ist sozusagen ein Symptom und als solches Ausdruck eines viel tiefer liegenden Problems, dessen wir uns in den meisten Fällen kaum bewusst sind. Es braucht eine sehr ehrliche und erfahrene Selbsteinschätzung, um einer solchen Prädisposition auf die Spur zu kommen. Und zu behaupten, man sei dagegen gefeit bringt mit allergrösster Wahrscheinlichkeit gleich ein weiteres Problem zutage: Eitelkeit und Selbstüberschätzung, die ihrerseits wieder nur ein Symptom ist.

Man wird mir hier möglicherweise den Spiegel vorhalten wollen und mich selbst der Eitelkeit bezichtigen, da ich grosszügig übergehe, dass es doch Dinge gibt, auf die man keinen Einfluss hat. Nun, erstens zweifle ich daran. Zweitens bin ich mir durchaus bewusst, dass es Verhältnisse gibt, in die man ohne eigenes Zutun (oder so besagt es zumindest unser Kulturkreis) geboren wird, welche gewisse aktiven Einflüsse unsererseits verunmöglichen. Man denkt hier vielleicht an Erbkrankheiten oder Hunger oder Armut oder sonstige Chancenungleichheiten. Ich bestreite nicht, dass es unter gewissen Voraussetzungen schwieriger ist, Psychosomatik umgekehrt zielorientiert anzuwenden. Es gibt nur viele Beispiele, die beweisen, dass es trotzdem möglich ist. Und Gesundheit und Glück – das sind kulturell geprägte Begriffe. In Zeiten grassierender Laktose- und Glutenintoleranzen scheinen diese Begriffe zu beinhalten, dass man nicht mehr furzen darf. Ein Gedankensprung, ich gebe es zu, aber dies ist eine Einleitung und muss noch nicht so ganz genau auf alles eingehen.

Genau gleich wird man mir vielleicht einen weiteren Spiegel vorhalten wollen, mit dem Finger auf mich zeigen und fragen, warum ich denn hin und wieder auch krank sei, warum auch ich mir Verletzungen zuzöge. Eine solche Reaktion zeugt indessen von Unverständnis und der Nichtbereitschaft, unpopuläres Gedankengut einer näheren und vor allem neutralen Prüfung zu unterziehen. Denn die Erkenntnis alleine reicht noch lange nicht, um sie auch zu leben. Zu abgelenkt ist man, zu ganzheitlich sozialisiert, als dass man eingesessene Verhaltensmuster einfach über Bord werfen könnte. Das gilt für mich ganz genau gleich.

Ein gesunder Geist sei im gesunden Körper. Ein Trugschluss, oder: ein Umkehrschluss, vorweggenommen. Denn kausal nicht nachvollziehbar, so rum. Während der Körper kerngesund sein mag, kann der Geist doch kranken. Doch ist der Geist gesund, so wird der Körper es nicht weniger sein. Nicht mens sana in corpore sano sondern: corpus sanus per mente sana.

>> Psychosomatik für Fortgeschrittene II: Das Schicksal

>> Psychosomatik für Fortgeschrittene III: Die Klassiker

>> Psychosomatik für Fortgeschrittene IV: Der Geist und der Körper

 

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5 Kommentare Gib deinen ab

  1. Tardigrade sagt:

    Nehmen wir an, mein Geist kranke. Vielleicht, weil mein Chef ein Depp ist oder ich mich mit meinem besten Freund überworfen habe oder ich in finanziellen Schwierigkeiten stecke. Jedenfalls führt mein kranker Geist dazu, dass ich nur noch wenig Schlaf kriege. Einerseits kann ich nicht einschlafen und andererseits bin ich immer weg bis in die Puppen. Ich bin deshalb den ganzen Tag müde, unkonzentriert und fahrig. Jeder wird Dir recht geben, dass die Gefahr unter diesen Umständen gross ist, in einen Verkehrsunfall verwickelt zu sein oder sich beim Gemüse rüsten in den Finger zu säbeln. Ursache: Müdigkeit – Wirkung: Velounfall. Ein kausaler Zusammenhang. Was ist daran unpopulär?

    Unpopulär ist einzig – und hier stimme ich Deiner Schlussfolgerung zu – sich selbst eingestehen zu müssen, dass solche Situationen vermeidbar sind. Klar kann der Job die Hölle sein. Doch dafür, wie sich eine solche Situation auf mein Leben auswirkt, ist das Wörtchen „per“ im letzten Satz entscheidend: corpus sanus per mente sana.

    Durch. „Durch“ oder auch „dank“ oder auch „wegen“ signalisieren, dass hier aktiv eingegriffen, gestaltet werden kann. Niemand ist folglich einer Situation ausgeliefert und selbst wenn aufgrund widriger Umstände die Situtation selbst nicht geändert werden kann, so kann doch jeder selbst entscheiden, wie er damit umgehen will.

    Bin ich also müde, weil ich nicht schlafen kann, weil der Job die Hölle ist, so muss ich auf meinen Körper hören und mich fragen, was ich ändern muss, damit ich nicht mehr müde bin. Wenn ich Nichts unternehme und mich dann in den Finger schneide, so ist das nicht der Fehler meines Chefs, es ist vielmehr die Konsequenz meines Handelns. Und diese Erkenntnis ist unbequem, ist unpopulär: Ich bin mein eigener Herr und kann den Ausgang meiner Handlungen nicht in die Hände höherer Mächte legen, denn für mein Schicksal bin nur ich verantwortlich.

  2. istwasesist sagt:

    Das ist schön, lieber Tardigrade, und ich bin nicht erstaunt, dass gerade Du mein Anliegen verstehst. Natürlich, es sind auch Lebensumstände wie ein Job, die dann kausal (und sehr analytisch gedacht übrigens) in einem höheren Risiko resultieren, dass mir etwas zustösst. Ich möchte allerdings noch viel weitergehen. Wie der Titel schon suggeriert, werden weitere Abschnitte und Gedanken zum Thema folgen. Da kann und wird es dann möglicherweise noch mehr zur Sache gehen.

    Ich danke Dir für Deine Zeilen und Deinen Kommentar, es ist schön, zu sehen, dass Menschen nicht nur lesen sondern mitdenken und dann auch noch das Herz in die Hand nehmen und damit ihren Beitrag zur Diskussion leisten.

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