Knabenschiessen

Es werden wieder Knaben geschossen in Zürich. Ich bin zum ersten Mal hier auf dem Albisgüetli, habe keine Ahnung. Das Albisgüetli, der Name, klar ist der bekannt. Und konnotiert mit den Rechteren. Natürlich. Aber darüber habe ich gar nicht nachgedacht. Chilbi – und dabei fällt mir ein, dass es im Baseldeutschen gar keinen Begriff dafür gibt, wir kennen dergleichen Treiben in der Rheinstadt nur von der Herbstmesse, aber das ist nicht vergleichbar, weder semantisch noch konzeptionell – am Berg, steil ist es, das fällt auf, und jede Menge Menschen, Grillgeruch, Crêpes, Dürüm, Falafel. Unglaubliches Erfindertum, wenn es darum geht, „Du triffst und kriegst dafür einen hässlichen Preis“ in alle möglichen Umsetzungsformen zu kleiden.

Und dann, oben auf dem Berg, das Ganze einigermassen überblickend, das Albisgüetli. Wir steuern auf der Suche nach einer Toilette in Richtung Eingang. Das Gebäude, altertümlich, wie ein Rittersaal aus alten Filmen mutend, so dass man darin eigentlich einen Thron und einen ganzen Ochsen am Spiess und darum ein wüstes Gelage mit Trinkhörnern und vulgäres Gegröhle erwartet, wird bewacht von einer modernen Variante der hellebardenkreuzenden Türwachen, zwei schwarzgekleidete Sicherheitsfachkräfte, die mich äusserst verdächtigend mustern, und da fällt mir ein: wegen des unerwarteten Temperatursturzes habe ich einen Pullover ausgeliehen, schwarz mit Kapuze und Toten-Hosen-Emblem, dazu einen Schal, der in den Achtziger Jahren noch Erkennungszeichen einer politischen Aussage war, mittlerweile zum Accessoire einer hippen Designergeneration verkommen ist, doch offensichtlich löst er noch immer gewisse Gefühle aus. Ich bin als Punk verkleidet, da hilft es auch nicht, dass vom Gürtel abwärts der Tag als Berater in der Bank noch zu erkennen wäre.

Im Inneren lange Tische, ein Rednerpodium, an welchem man vor dem inneren Auge gleich die SVP donnern sieht, neben Zunftsfahnen und hinter kleinen Gestecken, denen man Schärpen angezogen hat, die feierlich und ehrenhaft wirken wie Trauerkränze, für die Knaben vielleicht? Ich durchquere den Saal, fühle Blicke, die sich in meine Seite, meinen Rücken bohren, und die, welchen Meiner begegnet, werden gesenkt, als ob der direkte Augenkontakt mit mir bereits verunreinigend wirkte: ein Linker, offensichtlich. Ich bin froh, aus dem Güetli wieder austreten zu können, nachdem ich drinnen ausgetreten bin, und auch wenn es mich ein kleines Bisschen schaudert, dass ich einen Teil von mir dort gelassen habe, wenn auch nur Abfallprodukt und sogleich weggespült. Ein wenig voodooesk. Ich gebe es zu. Aber was bleibt mir anderes übrig: Knaben schiessen.

 

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