Mädchen im Park

Manchmal denke ich, ich komme nur wegen der Eichhörnchen hierher. Und jedesmal wenn ich hier bin, fällt mir ein, dass ich ihnen Nüsse kaufen wollte. Dann denke ich, dass ich wohl doch nicht wegen der Eichhörnchen hier bin, auch wenn es hier so viele von ihnen gibt, sonst würde ich die Nüsse wohl mal gekauft haben. Ich glaube, in dieser Stadt gibt es mehr Eichhörnchen als in irgend einer anderen Stadt. Und in diesem kleinen Park haben sie ihr Hauptquartier.

Heute bin ich nicht wegen der Eichhörnchen hier. Heute bin ich hier, weil ich in diesem Park noch nie einen anderen Menschen gesehen habe. Ich bin hier, weil ich an diesem Ort allein bin. Selbst in meiner Wohnung bin ich nicht so allein wie hier. Auch wenn es in meiner Wohnung keine Eichhörnchen gibt.

Der Park ist perfekt quadratisch. Vor dem Eingang führt eine Strasse vorbei, alle anderen Seiten werden von Häuserwänden begrenzt. Wenn man die Strasse entlanggeht, ist der Park eine grüne Zahnlücke im einförmigen Gebiss der grauen Häuser. Eigentlich ist es ein trostloser Ort, aber genau deswegen spendet er mir Trost. Ich kann hier klein sein, ganz klein, kleiner als die Eichhörnchen.

Die Mitte des Parks bildet ein kleines Rund mit vier steinernen Sitzbänken. Ich habe mich oft gefragt, weshalb hier vier Sitzbänke stehen, wenn ich doch der Einzige bin, der hin und wieder hier ist und immer dieselbe Bank benütze. Aber die Leute, die den Park geplant haben, konnten das nicht wissen.

Sobald ich den kühlen Stein der Sitzbank durch den Stoff meiner Hose fühlen kann, lehne ich mich zurück und blicke hinauf, zwischen den Bäumen hindurch, in das kleine Stückchen Himmel, das von hier aus sichtbar ist. Ich lasse meine Gedanken kreisen, versuche, sie nicht zu steuern, sondern denke planlos in die Welt hinaus. Meistens jedenfalls. Heute ist das anders.

Anna hat mich verlassen. Es war das Ende einer langen Geschichte, bei der sogar das Ende sich hingezogen hat. Manche Dinge, die in der letzten Zeit passiert sind, habe ich verstanden, aber das Meiste blieb mir verborgen. Ich habe nur gemerkt, dass es für sie immer schwieriger wurde, mit mir zusammenzusein. Anfangs hatte ich Angst, weil ich wusste, dass etwas nicht stimmte und nichts dagegen unternehmen konnte. Dann wich die Furcht irgendwann, und ich fand mich damit ab, dass ich es nicht verstehen konnte. Als sie ging, war ich nicht ganz sicher, weshalb, und jedesmal, wenn ich sie danach fragte, wurde sie wütend. Also liess ich es bleiben.

Jetzt wo Anna weg ist, ist da eine Leere. Aber die Leere ist nicht in meinem Herzen. Die einzige Leere, die ich fühle, ist, dass es niemanden mehr gibt, der abends nach Hause kommt. Ich höre die Tür abends gegen halb sieben noch oft aufgehen. Ich stehe regelmässig auf, um nachzusehen. Aber wahrscheinlich hat sich auch mein Ohr an Anna gewöhnt. Irgendwann werde ich die Tür nicht mehr hören.

Es ist etwas anderes, das mich beunruhigt. Da ist kein Schmerz. So sicher ich mir bin, dass ich Anna liebe, so sicher war ich mir auch, dass es weh tun würde, wenn sie ginge. Ich frage mich lange und immer wieder, ob das denn Liebe ist, ob ich überhaupt eine Ahnung habe, was Liebe ist und ob ich sie denn sonst jemals finden werde. Und gleichzeitig weiss ich ganz genau, dass Anna und ich zusammengehören und dass das was jetzt passiert nicht richtig ist.

Wenn ich jetzt auf der kühlen Steinbank sitze, dann kann ich meine Gedanken nicht mehr planlos kreisen lassen. Ich sehe hinauf in den Himmel und der Himmel ist nicht einfach blau oder bewölkt oder grau. Er ist das Tor zu einer Welt, die Anna und mir gehört. Ich habe dieses Tor nie von aussen gesehen und deshalb war früher der Himmel auch einfach blau oder bewölkt oder grau. Aber seit Anna weg ist, sehe ich nur noch das Tor. Es ist geschlossen. Und ich finde den Schlüssel nicht mehr.

Während ich noch hinaufsehe, bemerke ich eine Veränderung. Ich senke den Blick, hole meine Gedanken von weit her zurück, lenke sie durch die Lücke in den Baumkronen, die hohen Stämme hinunter, viel langsamer als mein Blick reist. Meine Augen haben das Mädchen schon bemerkt, als es meine Gedanken erreichen. Es ist ein kleines Mädchen, das mir gegenüber auf der anderen Steinbank sitzt. Es sieht mich direkt an und als unsere Blicke sich treffen fährt ein Stechen in meine Brust.

Einen Moment lang sitze ich fast atemlos da, mein Herz rast. Wer ist dieses Mädchen? Wer wagt es, in mein Reich einzudringen? Ich kenne diese Augen. Sie blicken direkt in mich hinein, ich kann meinen Blick nicht abwenden, fühle mich ausgeliefert. Dann fühle ich Wärme in mir aufsteigen, der Dolch in meiner Brust schmilzt, mein Herz beruhigt sich. Die Welt um mich herum versinkt in Schatten. Das Mädchen sitzt einfach nur da und sieht mich an, ohne zu lächeln, ihre Augen leuchten. Ich kenne diese Augen. Woher nur? Aber der Gedanke ist nur noch ganz leise, irgendwo in meinem Kopf. Ich bin erfüllt mit Licht, als ob wir zwei, sie und ich, eine Sonne sind, die die dunkle Welt um uns mit ihrem Leuchten erfüllt.

Dann erscheint alles wieder und wir sitzen einfach nur da, und jetzt spielt ein leises Lächeln um ihre Lippen. Sie faltet ihre Hände, so wie man seine Hände faltet, wenn man etwas darin verbirgt. Sie wendet ihren Blick ab führt die gefalteten Hände zu ihrem Gesicht, kneift das eine Auge zusammen und späht mit dem Anderen in den kleinen Hohlraum. Ich sitze einfach da und betrachte sie.

Nach einiger Zeit lässt sie die Hände sinken und blickt mich wieder an. Wieder hat sie ein leises Lächeln auf den Lippen, kaum sichtbar und doch fühle ich es in meinem Innersten als lächle meine Seele. Wie automatisch falte ich meine Hände und spähe mit einem Auge in den Hohlraum. Es ist nichts zu sehen, pechschwarze Dunkelheit. Ich nehme die Hände wieder von meinem Gesicht und öffne die Augen. Sie steht direkt vor mir, aber ich erschrecke nicht einmal, wieder bin ich voll dieser Wärme. Ganz ruhig und sanft nimmt sie meine immer noch gefalteten Hände und führt sie zurück zu meinem Gesicht.

Das Dunkel ist nicht mehr nur schwarz, ich sehe einen winzigen blauen Punkt, wie ein weit entfernter Stecknadelkopf. Ich konzentriere mich darauf, während die Wärme durch mich hindurchfliesst, mich durchtränkt. Der blaue Punkt leuchtet stärker, wird grösser, jetzt ist es ein Samenkorn, dann eine blaue Perle. Sie leuchtet aus der Mitte heraus, in ihrem Zentrum ist sie fast weiss. Das Leuchten beginnt sich auszubreiten, wird stärker, wie eine kleine blaue Sonne, ich bin geblendet, doch ich kann mein Auge nicht abwenden. Etwas in mir löst sich in diesem Licht auf, ich fühle mich frei und bemerke, dass ich meinen Körper, meine Hände und meine Gedanken nicht mehr finden kann. Die Perle verschwindet, Schwärze verschluckt sie, schwappt über sie wie Wasser über einen Stein und es bleibt nur ein kleiner wabernder Punkt, da wo sich das Licht in meine Netzhaut eingeprägt hat.

Es dauert einen Moment, bis mir bewusst wird, dass ich immer noch in meinem Körper und auf der Steinbank im Park sitze. Als ich wieder aufblicke, ist das Mädchen weg. Ich bleibe einen Moment einfach nur sitzen, bemerke, wie ich die Bank anstarre, auf der sie gesessen hat, dann lasse ich den Kopf nach hinten fallen und Blicke hinauf, durch den Zwischenraum in den Bäumen. Der Himmel ist blau. Einfach nur blau.

Später, in meiner Wohnung. Irgend etwas ist anders. Ich betrete das Wohnzimmer. Anna sitzt auf dem Sessel, der gegenüber der Tür steht. Sie nimmt ihre gefalteten Hände herunter, und lächelt mich an. Ich kenne diese Augen. Sie blicken direkt in mich hinein.

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