Zurück zur Natur – mit Internet

Internet. Jeder kennt es, die meisten Leute sind mehr oder weniger vertraut damit. Internet öffnet die Pforte zur globalen Informationsfreiheit. Internet IST die globale Informationsfreiheit. Mit Internet eröffnen sich Möglichkeiten, von denen die Menschheit vor anderthalb Jahrzehnten nicht einmal zu träumen gewagt hätte.

Wirklich nicht? Internet ist nicht nur eine technologischer Schritt in eine vernetzte Zukunft. Es ist mehr als wir denken. Es ist genaugenommen das, was wir nicht denken, nicht mehr denken, nicht mehr selbst denken, nicht mehr selbst denken können. Ein evolutionärer Schritt. Und trotzdem hat es immer schon existiert.

In den letzten zehn Jahren hat der Mensch gleich viele revolutionäre Fortschritte erzielt wie in der gesamten Weltgeschichte zuvor. Immer schneller entwickeln wir, die Zeiträume, die zwischen bahnbrechenden Erkenntnissen stehen werden kürzer: die Menschheit bewegt sich auf einen Punkt zu.
Daniel Quinn bezeichnet das Phänomen in seinem „Ismael“ als freien Fall: der Mensch hat ein metaphorisches Flugzeug gebaut und stürzt sich damit von einer Klippe. Und er fliegt. Bis er bemerkt, dass er zwar fliegt, dass die Erde dabei aber immer näher kommt. Immer schneller näher. Während er sich bewusst wird, dass er nicht im Flug sondern im Fall begriffen ist, erkennt er, dass das, was er aus luftiger Höhe als Punkte am Boden ausgemacht hatte, andere Flugzeuge sind. Flugzeuge der Hopi, der Dakota, der Massai, der Aborigines. Sie stehen am Boden. In einem Stück. Unversehrt.

Haben sie den Boden nie verlassen? Haben sie das Flugzeug zwar gebaut, dabei aber lächelnd erkannt, dass es nicht fliegen wird? Oder sind sie am Ende damit geflogen und wieder gelandet? Wir wissen es nicht. Denn wir sitzen in dem Flugzeug, das allen unseren wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge an der Gravitation scheitern wird.

Plötzlich aber, nachdem die Erkenntnis den Menschen erreicht hat, dass er nicht fliegt sondern fällt, fängt sich der Mensch angesichts der am Boden stehenden Flugzeuge zu fragen, was denn die Alternativen zu seinem Sprung gewesen wären. Gar nicht erst zu starten? Zu fliegen, indem man den Boden gar nie verlässt?

Die Verwirrung hat Einzug gehalten im Kopf des Menschen. Der Schamane sei tot, hat mir ein Schamane in Südamerika gesagt. Jetzt sei die Zeit des Nichts. Des Alles. Die Zeit, wo jeder einzelne auf sich selber gestellt ist, wo jeder tun kann, was er will.

Der Mensch tendiert dazu, Dinge die er nicht zu erklären vermag, so zu benennen, dass er sie fortan bezeichnen kann. Denn was man bezeichnen kann, hat man verstanden. Dabei vergisst er, dass der Akt, alles Unerklärbare in einer Schublade abzulegen, der Tatsache nicht abhilft, dass es unerklärbar ist. Weshalb glauben wir weiterhin an ein Realitätssystem, das einige Dinge als unerklärbare Phänomene abtun muss?

Betrachten wir die Tierwelt: ein Hase hüpft über ein Feld. Plötzlich hält er inne, es sieht aus, als denke er nach. Dann ändert er drastisch seine Richtung und hüpft davon. Warum? Was hat er gefühlt? Ist es ein Zufall, dass ein paar Meter von der Stelle seines Kurswechsels vor ein paar Wochen ein Hase in die Falle gegangen und gestorben ist? Ist es ein Zufall, dass unser Hase nicht der einzige ist, bei dem dieses Verhalten beobachtet worden ist, sondern dass seit dem Moment des Todes jeder andere Hase das Gebiet weitläufig gemieden hat?

Wenn der Mensch mitten im Wald auf ein Tier treffen würde, das er nicht kennt, das auch in keiner Weise irgend einem ihm bekannten Tier gleicht, er wüsste nicht, ob dieses Tier ihm feindlich oder freundlich gesinnt ist. Er kennt die Eigenschaften des Tieres nicht. Also wird er sich in erster Linie in Sicherheit bringen. Ein Tier an der gleichen Stelle weiss, welche Art von Tier das ist. Es weiss, ob und was es zu befürchten hat. Danach handelt es. Folglich muss das Tier etwas sehen, was der Mensch nicht sehen kann. Carlos Castaneda sagt, das Tier sieht seinen Gegenüber. Der Mensch schaut ihn an.

Wir müssten also davon ausgehen, dass der Mensch, was seine Sinne anbetrifft, ein evolutionär degeneriertes Tier ist. Und plötzlich verändert sich unsere Sichtweise schlagartig. Der Mensch war doch immer das „weiter“- entwickelte Tier? Wenn wir logisch nachvollziehen können, dass sich, je nach Sichtweise, unsere Realität um hundertachtzig Grad verdrehen kann, weshalb sollten wir dann immer noch an unserer Vorstellung der sichtbaren Wahrheit festhalten? Müssen wir denn nicht annehmen, dass die Konsequenz einer rational herbeigeführten Veränderung des Blickwinkels unser gesamtes Weltbild über den Haufen werfen wird? Wer ist die Person die wir im Spiegel sehen? Wer ist wessen Reflektion?

Die allgemeine Verwirrung wird ausgenützt, wie das in der Geschichte so oft der Fall war. Filme wie Matrix oder The Sixth Sense springen in die Bresche. Und implizieren den Gedanken, dass da noch viel mehr sein muss, als was wir wahrnehmen. Und erstaunlicherweise finden wir in der ganzen Entwicklung des Menschen Hinweise darauf. Niemand weiss wirklich, warum das Bild von Elfen und Kobolden immer ungefähr gleich geblieben ist. Woher sollten alle Illustratoren von Märchenbüchern aus den verschiedensten Epochen die nahezu identische Vorstellung von Fabelwesen haben, wenn sie sie nicht gesehen haben?

Bleiben wir also bei der Ahnung, dass es inner – oder ausserhalb unserer Wahrnehmung von Realität Reize geben muss, die wir nicht mehr wahrnehmen können. Ein Kleinkind im Park fängt plötzlich an zu lachen und zeigt mit ausgestrecktem Finger in die Luft. Aber da ist nichts. Unterliegen wir dem Schein oder das Kleinkind? Überlegen wir folgendes: wer von beiden geht neutral an die Wahrnehmung heran? Wir sind die, die durch Konditionierung unseres Reizempfindens eine Realität geschaffen haben. Das Kleinkind hat also folglich die weitaus grösseren Chancen, das zu sehen, was wirklich ist, als wir. Sobald dieses Kleinkind anfängt zu sprechen wird es Abmachungen treffen. Zum Beispiel, dass es das leuchtende Sternchen, das dann und wann auftauchte und in dessen wunderschönes Licht sich ihm Botschaften präsentierten, nicht gibt. Das Kind wird das leuchtende Sternchen also fortan nicht mehr sehen. Weil es nun „weiss“, dass dieses nicht existiert.

Wir anerziehen uns selbst also ein Realitätsempfinden, welches, wenn wir das bisherige Fazit einbeziehen, einen grossen Teil der Reize, die in jeder Millisekunde auf uns einstürzen, ausschliesst. Wenn wir diesen Umstand als Grundlage eines „überarbeiteten“ Blickwinkels akzeptieren, erkennen wir, dass sich sehr viele Dinge plötzlich von selbst erklären. Die Angst davor, im Dunklen in den Keller zu gehen hat vielleicht den Grund, dass da wirklich etwas ist, vor dem wir uns fürchten sollten. Der Schauer, der uns dann und wann ohne Grund den Rücken hinunterläuft, warum sollte das nicht eine energetische Entität sein, die uns mal eben kurz gestreift hat?

Unsere Weltanschauung ist also bestimmt von einer Kombination aus Reizen, die einen wichtigen Teil ausschliesst, den wir einfach vergessen haben. Es scheint, als ob der Mensch in dieser Zeit des Nichts sich zu erinnern beginnt. Nicht an die Elfe, die vor seinen kindlichen Augen manchmal getanzt hatte. Sondern daran, dass da immer noch irgend etwas war. Etwas, was mehr war als alles was da zu sein scheint. Nennen wir es eine parallele Dimension.

Der Mensch ist also im Begriff, sich an diese parallele Dimension zu erinnern. Nun ist er aber immer noch viel zu sehr in einer durch Gewöhnung konditionierten Realität behaftet – kein Wunder, sie wurde ihm über Jahrzehnte hinweg anerzogen – und deshalb sieht er auch die neue Erkenntnis durch den Filter seiner alten Wahrnehmung. Das Resultat davon ist, dass er eine Idee hat. Weil er ja keine Ahnung hat, dass diese Idee ein Erinnern ist an etwas, das er schon immer wusste und er sich nicht vorstellen kann, dass es eben nicht nur eine Idee ist, beginnt er, entsprechend seiner Natur, auf künstlichem Wege wiederherzustellen, was er verloren zu haben scheint. Er generiert die eigene Parallelwelt. Das Internet entsteht. Leider ist das Internet eben künstlich. Das heisst, wir können uns nur darin bewegen, wenn wir eine Maschine dazwischenschalten. Trotzdem ist das Internet der erste technologische Schritt des Menschen in Richtung Natur. Vorwärts in die Kinderkrippe. Und gleichzeitig ist es, da es ein technologischer Schritt ist, ein weiterer Schritt in Richtung Blindheit. Weil der Tatbestand seiner Erfindung nicht zur Erkenntnis führt, dass wir es nicht brauchen aus dem Grund, dass es immer schon da war.

Gewissermassen könnten wir das so umschreiben: Wenn der Mensch das nächste Mal einem Tier begegnet, dessen Eigenschaften er nicht kennt, setzt er sich ans Internet und wird bald herausfinden, ob dieses Tier ihn fressen will oder nicht. Aber wir sollten nicht vergessen, dass der Hase trotzdem immer noch keinen Laptop braucht, um dasselbe zu wissen.

Quinn, Daniel: Ismael. Goldmann 1994
Castaneda, Carlos: Eine andere Wirklichkeit. Fischer Taschenbuch Verlag, Neue Auflage 1998

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